Erinnerung an leitende Persönlichkeiten auf der Jugendburg

Eine Burg mag sehr romantisch sein, ihre Mauern noch so beeindruckend – erst Menschen füllen sie und verleihen ihr die spürbare Ausstrahlung.

Wechselnde Gäste bringen mit ihren Ideen, ihrer Arbeit und ihren Festen Leben auf die Evangelische Jugendburg. Für den „Geist des Hauses“ sorgen die ständigen Mitarbeiter. An einige von ihnen aus den Anfangsjahren sei hier erinnert.

 

Der Pädagoge Dr. Paul Kammer (1901-1944) und seine Frau Ellen Kammer, geb. Seesemann (1895-1994), ebenfalls Pädagogin, waren von 1924 an die ersten Heimleiter der Evangelischen Jugendburg. Ihre Ideen und Anregungen prägten den Stil und Atmosphäre des Hauses. Beide gehörten dem Lehrerkollegium der Heimvolkshochschule an.

Im November 1924 heirateten sie in Hohensolms. Vier ihrer sechs Kinder wurden während der Hohensolmser Zeit geboren und erlebten ihre frühe Kindheit in der Hohensolmser Burg: Ulrich (1926), Otto (1927), Günter (1929) und Johann Georg (1930). Die Räume „Bodelschwingh“ (2005 in „Kammers Gemach“ umgenannt) und „Francke“ im zweiten Obergeschoss waren ihr Wohn- und Schafzimmer. Als der Arzt Dr. Klapsch im Oktober 1932 auszog konnten Christdeutschen auch die Räume am Weißen Gang im ersten Obergeschoss übernehmen. So konnte auch die Familie Kammer im November 1932 ihre Wohnung vom zweiten ins erste Obergeschoss verlegen.

Paul Kammer promovierte 1930 an der Univerität Gießen zum Dr. phil. In seiner Dissertation „Über den Begriff der Bildung in den modernen freien Volksbildungsbestrebungen“ hat er die Erfahrungen und Ziele der Volkshochschularbeit dargelegt. An Ostern 1932 lief seine achtjährige Beurlaubung aus dem Staatsdienst ab. Er übernahm eine Lehrerstelle in Villingen (Landkreis Gießen) und zog mit seiner Familie auch dorthin. Als stellvertretender Vorsitzender des „Vereins für Bibelarbeit Hohensolms“ blieb Paul Kammer aber weiter in der Verantwortung für die Evangelische Jugendburg. Ab 1934 engagierte er sich in der "Bekennenden Kirche".

Paul Kammer wurde 1939 zur Wehrmacht eingezogen. Vorübergehend war er Lehrer an der Heeresschule in Wetzlar, im Januar 1944 ist er im Krieg gefallen.

Ellen Kammer nahm 1945 ihre Berufstätigkeit als Lehrerin wieder auf: Bis 1960 unterrichtete sie Grundschulkinder in Villigen. Einige Monate vor ihrem Tod konnte sie noch im gesegneten Alter von 99 Jahren das 70-jährige Burgjubiläum in Hohensolms miterleben.

Dr. Leopold Cordier (1887-1939) war Pfarrer an der französisch-reformierten Gemeinde in Frankfurt/Main. Als Nachfahre einer Hugenottenfamilie sah er sich dem reformierten Flügel der Evangelischen Kirche eng verbunden. 1926 wurde er Professor für Praktische Theologie an der Universität in Gießen. In dieser Funktion beschäftigte er sich systematisch mit Begründungen, Zielen und Methoden evangelischer Jugendarbeit.
Er war führender Kopf in der „Christdeutschen Jugend“. Neben ihm war zunächst auch Pfarrer Paul Lange (1881-1948) maßgeblich an der Leitung der Christdeutschen beteiligt.

Friedrich Wilhelm Petri (1892-1957) war von 1919 bis 1957 Pfarrer in Hohensolms. Er setzte sich besonders für die Jugendbildungsarbeit ein. Insbesondere griff Petri die Idee der Heimvolkshochschule auf. Er setzte sich leidenschaftlich und erfolgreich für die Einrichtung einer solchen Schule für Hohensolms ein. Von 1924 bis zur zwangsweisen Schließung durch das NS-Regime im Jahr 1934 war er ihr Leiter.

Ottilie Haller (1894-1962), später verheiratete Bernhard, war von 1925 bis 1934 Hauswirtschaftsleiterin in Hohensolms und gehörte auch dem Lehrerkollegium der Heimvolkshochschule an.

Friederike Genähr (1894-1954) stammt aus einer pfälzischen Gärtnerfamilie. Als junge Frau trat sie in kirchliche Dienste ein, arbeitete im Evang. Frauenbund der Pfalz und übernahm 1935 - 1951 die Stelle der Heimleiterin auf der Jugendburg Hohensolms. Sie wurde zur Seele der „Burgfamilie“ und hat unter den schwierigen Bedingungen in der Zeit des Nationalsozialismus und in den materiellen Mängeln der Kriegs- und Nachkriegsjahre Enormes für die Burggemeinschaft geleistet.
In den Jahren des Zweiten Weltkriegs, als die Burg Zufluchtsstätte für kriegsgeschädigte Familien wurde, kamen Friederike Genährs Mutter und einige Geschwister, Nichten und Neffen nach Hohensolms. Sie halfen mit das Haus zu unterhalten. Hans Genähr, ein Bruder, war in den schwierigen Nachkriegsjahren bis 1951 Hausmeister.

Pfarrer Ernst Hotz (1906-1992) wurde nach dem plötzlichen Tod von Prof. Leopold Cordier 1939 zum Vorsitzenden des „Verein für Bibelarbeit Hohensolms e.V.“, der aus der „Christdeutschen Jugend“ hervorging, gewählt. Während seines Kriegsdienstes von 1940 bis zur Entlassung aus der Gefangenschaft 1947 konnte er seine Pflichten nur sehr eingeschränkt, später überhaupt nicht mehr wahrnehmen. Danach wurde er bis 1952 wieder aktiv, nicht zuletzt in Gesprächen mit Kirchenpräsident Martin Niemöller und bald auch Pfarrer Helmut Bracht über die künftige Nutzung der Jugendburg.

Als Landesjugendpfarrer und später als Propst setzte sich Helmut Bracht (1908 – 1988), erfolgreich für die Übernahme der Trägerschaft und den späteren Kauf der Evangelischen Jugendburg Hohensolms durch die Evangelische Kirche von Hessen und Nassau ein. Er begleitete die Jugendlichen intensiv mit spiel- und theaterpädagogischen Angeboten, wie Laienspielwochen, auf der Evangelischen Jugendburg.

Von 1954-1966 haben der Diakon Friedel und und seine Frau Luise Sander als Hauseltern die Leitung auf der Evangelischen Jugendburg Hohensolms übernommen.

Fritz Eitel (1924 – 1988) wuchs als Pfarrerssohn in Wölfersheim (Oberhessen) auf. In seiner Schulzeit erlebte er den Kirchenkampf und war im Zweiten Weltkrieg noch Leutnant der Marine und Kommandant eines Minensuchbootes. Nach Studium und praktischer Ausbildung war er zunächst Pfarrer in der Luthergemeinde Offenbach, dann sechs Jahre lang in Altstadt (Westerwald). Er war verheiratet mit Irmingard Eitel geb. Haupt und wurde Vater von vier Kindern.

Fritz Eitel wurde 1959 als Nachfolger von Helmut Bracht in das Amt des Landesjugendpfarrers der Evangelischen Kirche in Hessen und Nassau (EKHN) berufen. Zu seiner vielseitigen Tätigkeit in dieser Aufgabe gehörten u.a. die Fertigstellung von Kloster Höchst/ Odw. als Jugendzentrum und der Beginn spezieller Ausbildungsgänge für Jugendarbeit. Ein wichtiger Schwerpunkt für ihn war die Friedens- und Versöhnungsarbeit: Fahrten mit Jugendlichen nach Polen insbesondere zur Gedenkstätte des Konzentrationslagers Auschwitz und die Tätigkeit in der Arbeitsgemeinschaft für Kriegsdienstverweigerer. Im Auftrag der Kirchensynode hat er ein Netz von Beratern für Kriegsdienstverweigerer aufgebaut.

Von 1969 bis zu seiner Pensionierung im Jahr 1987 war er Beauftragter der EKHN für die Beratung von Kriegsdienstverweigern und Zivildienstleistenden sowie Leiter des entsprechenden Referats in der EKHN und der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD). Er prägte den Begriff des „sozialen Friedensdienstes“.

Die Evangelische Jugendburg Hohensolms lag ihm immer wieder am Herzen. Von 1960 bis 1988 war Fritz Eitel Vorsitzender des Fördervereins, der damals noch „Hohensolmser und Höchster Freundeskreis e.V.“ hieß und seine Jahrestreffen abwechselnd an beiden Orten abhielt.

Ihm war eine kurze Zeit des Ruhestands vergönnt. Eine schwere Krankheit und ein Unfall führten 1988 zu seinem Tod, einige Wochen vor seinem 64. Geburtstag.

Von 1966-1974 haben der Diakon Klaus Nebelung und Waltraud Nebelung die Hausleitung der Jugendburg übernommen.