Silberbein
Es war einmal ein Edelmann. Ob er ein Ritter oder ein Graf war, weiß man nicht mehr genau. Auf jeden Fall war dieser edle Herr ein wackerer Streiter, der um keinen Kampf verlegen war. So kam es, dass er in einem der vielen Kämpfe, die er in seinem Leben bestritt, schließlich einmal den Kürzeren zog und dabei ein Bein verlor. Nun hatte der Mann jedoch das Glück, dass er nicht nur ein tapferer Streiter war, sondern darüber hinaus auch sehr reich war. Er beschloss also, aus seiner Lage das Beste zu machen. Bei einem Schmied ließ er all sein Geld einschmelzen und sich daraus ein künstliches Bein aus purem Silber anfertigen. So reiste er durch die Lande, bis ihn sein Weg eines Abends auch auf die Burg Hohensolms führte.
Als er ans Burgtor pochte und um Einlass bat, saß man dort gerade zu Tisch. Da gerade akuter Geldmangel herrschte, blickte man allerdings nicht in volle Schüsseln und Töpfe. Wenn die Torwächter nicht von dem silbrig funkelnden Bein des merkwürdigen Besuchers berichtet hätten, wäre der Mann wohl auch gar nicht eingelassen worden. So aber keimte bei den habgierigen Burgmannen schon eine Idee auf, wie sie ihre Geldsorgen los werden konnten. Man bat den Fremdling einzutreten und sich am kargen Mahl zu beteiligen. Schließlich bot man ihm noch ein Lager für die Nacht an.
Bereits während des Essens sind die Augen der Burgleute groß und größer geworden, als sie das Bein aus purem Silber sahen. Dieser Anblick ließ sie alle Skrupel vergessen. Noch in der Nacht begingen sie ihre schändliche Tat. Die Häscher überfielen den Fremden in seiner Schlafkammer, töteten ihn und schnitten ihm das Silberbein ab.
Mit ihrer Beute fiel es ihnen leicht, ihre Gläubiger auszuzahlen und die Geldsorgen los zu werden. Jedoch, lange waren sie darüber nicht glücklich. Als sie bald darauf wieder bei Tische saßen, diesmal allerdings vor einer reich gedeckten Tafel, wich die gute Laune schnell jähem Entsetzen. Vom Tor dröhnte lautes Pochen herauf. Und eine schauderhafte Stimme rief immer und immer wieder: „Wo ist mein Silberbein? Wo ist mein Silberbein?“
Hatten die Burgleute den rechtmäßigen Besitzer des Beines schon fast vergessen, so ließ ihnen das Auftauchen von dessen Geist um so ärger das Blut in den Adern gefrieren. Ihre Geldsorgen konnten sie durch ihre Tat zwar lösen aber um welchen Preis? Das Rufen und Pochen am Burgtor verfolgte die Burgmannen seither bis an ihr Lebensende. Es brachte sie um ihren nächtlichen Schlaf und raubte ihnen schließlich den letzten Nerv.
Aufmerksame Gäste der Jugendburg können im Wind, der über der Burg braust, noch heute ein leises Kratzen und Schaben hören. Wenn der Sturm gegen die Tore drückt, wird es zum lauten Pochen. Wer dann ganz genau hinhört, wird sicher auch die Stimme des Edelmannes hören, der nach seinem gestohlenen Bein ruft. Gäste, die eine Beinprothese tragen, müssen besonders gut auf sie aufpassen, sonst glaubt der Geist des Ermordeten noch, es handele sich dabei um sein Silberbein und nimmt sie mit.
Quelle:
- Timo Zimmermann, Hohensolms – Tal, Stadt, Gemeinde und Ortsteil. Ein mittelhessisches Dorf im Wandel der Jahrhunderte, Hohensolms 2000